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Portugal in 100 Objekten

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Glockenbecher-Schale.  Portugal in 100 Objekten

Dr. Michael Kunst (DAI), Leiter der Ausgrabungen in Zambujal,
führt eine besonders anmutige Schale des Glockenbechertyps vor.

Glockenbechervase

In der chalkolithischen Siedlung Zambujal (in der Nähe von Torres Vedras) wurden zahlreiche Keramikgefäße des Glockenbecher-Typus gefunden. Inzwischen sind sich die meisten Archäologen darüber einig, daß das Kulturphänomen "Glockenbecher" von der Atlantikküste Portugals aus, sich in Ganz Europa ausbreitete. Die erste "Europa-Kultur", sozusagen...

Gelungene Restaurationen einiger Schalen, Vasen und Becher kann man im Museu Arqueológico de Torres Vedras bewundern; es sind Arbeiten von Pedro Trindade, Sohn des Zambujal-Entdeckers Leonel Trindade.

Man könnte sie als ausgesprochene Luxuswaren bezeichnen, denn in der Formenwelt des End-Neolithikums ist der Glockenbecher-Stil durch qualitative Keramik mit auffälligen Verzierungen identifizierbar; diese Verzierungen – auch bei kleinsten Fragmenten – lassen den Fachmann diesen Stil einfach erkennen. Aber wie zu erwarten ist, gibt es etliche regionale Ausprägungen.

Vollendet verzierte Keramik

Das „Glockenbecherphänomen” ist europaweit von Portugal bis in die ungarische Tiefebene, von Marokko bis Dänemark verbreitet gewesen. Auch wenn die Keramik lokal hergestellt worden ist und kein Handel zwischen Glockenbechernleute nachzuweisen ist, so muß zumindest die Ideologie übertragen worden sein.

Das typologische Gedankengut und die Herstellungsweise der Glockenbecher-Keramik breitete sich wahrscheinlich von Iberien aus; dieses Phänomen ist aber nicht eine archäologische Kultur im üblichen Sinne. Es ist eine Erscheinung besonderer Art, die in der Urgeschichte kaum Vergleichbares kennt.

Das Glockenbecher-Phänomen ist charakterisiert durch den (fast) einheitlichen Becher mit seiner auffälligen Verzierung in Bändern; glatte Flächen wechseln sich mit fein- oder großverzierten Mustern ab. Das „Erkennungsgefäß“ dieser Erscheinung hatte (wahrscheinlich) eine besondere Bedeutung bei Trinkhandlungen.

Mit dem Glockenbecher-Phänomen sind nicht nur Keramiken, auch andere Objekte, wie z.B. Arm­schutzplatten, gestielte Pfeilspitzen, Pfeilglätter, V-förmig durchbohrte Knöpfe usw. verbunden, die aber auch in den jeweiligen einheimischen Kulturen vorkommen. Dolch und Bogen demonstrieren einen auffällig wehrhaften Charakter der Glockenbecherleute.

Beaker Folk? Nein, kein Volk...

Zum Wesen und zur Verbreitung der „Glockenbecher“ gibt es seit 1920 lebhafte Diskussion unter Fach­leuten. Berühmte Forscher haben sich mit der Deutung beschäftigt und die verschiedensten Modelle erarbeitet; sie reichen von der Charakterisierung als „Volk der Bogenschützen” (Reinecke) bis zur Etikettierung als „Erfinder neuer Drogen und Rauschmittel” (Andrew Sherratt).

Als Ursprungsgebiet des Phänomens sind schon fast alle Regionen in Frage gekommen, in denen die typische Keramik in größeren Mengen gefunden wurde. Der hervorragende spanische Archäologe Pedro Bosch Gimpera (Universität Barcelona) und sein Student Alberto del Castillo schlugen Spanien als Ursprung der Bewegung vor. Diese Hypothese schien gute Evidenz in den zahlreichen Becherfunde zu haben, die Alberto del Castillo in einem Buch 1928 dokumentierte.

Für die Verbreitung der luxuriösen Gefäße wurde eine erste diffusionistische Theorie herangezogen. Dieser Diffusionismus sollte noch lange Zeit die Diskussion dominieren. Nomadische Hirten hätten von Spanien aus diese Keramik in Umlauf gebracht. Doch es wurde immer schwieriger sich vorzustellen, was diese tapferen Nomaden in Großbritanien, Deutschland oder gar in der Slowakei gesucht hätten...

Einen neuen Schwung bekam die Diskussion, als Prof. Edward Sangmeister von der Universität Freiburg zwei Ströme pos­tulierte: Einen Hin-Fluxus, der Menschen aus der Iberischen Halbinsel mit Glockenbecherartikel nach Mitteleuropa gespült hätte, und einen Her-Fluxus, der diese Menschen in ihr Heimatland wieder zurückströmen ließ – im Dress der neuesten Mode und mit guten Metallur­gie­kenntnissen ausgestattet.

An diesem Hin-und-Her wären nicht mehr ganze Völker, sondern eher umherreisende Händ­ler oder pendelnde Handwerker beteiligt gewesen – so wie die nord­afrikanische Wanderschmiede noch heute mit ihren tragbaren Werkzeugen für die Herstellung von Silberschmuck von Ort zu Ort reisen.

GB

Pedro Trindade, Archäologe und Restaurator, beobachtet mit kritischen Blick das Ergebnis seiner Restauration eines Glockenbechergefäßes aus der chalkolitischen Siedlung Zambujal. Die Keramik ist im Museu de Torres Vedras ausgestellt.

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