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Portugal in 100 Objekten

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Placa de Xisto.  Portugal in 100 Objekten

Placa de xisto — geritzte Schieferplatte

Kollektives Gedächtnis — Bereits vor 5.000 Jahren haben sich Einwohner der Iberischen Halbinsel mit „Ausweisen” identifiziert. Genauer gesagt, mit geometrischen Mustern, die auf handgroße Schieferplatten (placas de xisto) mit feinen Linien geritzt wurden. Diese Praxis wurde in der Übergangszeit zwischen Neolithikum und Chalkolithikum betrieben. Deswegen fand man solche dekorierte Platten nicht nur in den Dolmens (Neol.) sondern auch in den Tholoi (Kuppelgräber des Chalkolithikums.)

Kleine, kunstvoll gemusterte Steine als Identitätsträger – um dies zu prüfen, analysierte die amerikanische Anthropologin Katina Lillios über tausend handgroßen Steinplättchen, die im Laufe der letzten 120 Jahren aus den Megalithgräbern Portugals und Spaniens geborgen wurden.

In diesem Licht entpuppte sich die Fülle an placas de xisto als das kollektive Archiv der Clans der Megalith­kultur im Süden der Iberischen Halbinsel. Diese Gedächtnis-Register sind in Europa einmalig; weltweit betrachtet, sind es die ersten bekannten „Ausweise” überhaupt.

Die individuell geritzten Plättchen bilden deswegen ein kollektives Gedächtnis, weil sie von den diversen Clans „gelesen” werden konnten – und anerkannt wurden.

Heute werden Bürger mit Ausweiskarten identifiziert; aber daß die entfernten Vorfahren der Portugiesen und Spanier auch schon vor circa 5.000 Jahren Ausweis-Steinchen benutzten, ist eine neue, verblüffende Erkenntnis. Die mit feinen Linien akribisch geritzten Muster auf den Schieferplatten gehen weit über die Bedeutung der sonstigen Grabbeigaben hinaus.

Diese kunstvollen Objekte zeigen, welchem Stamm oder Clan der Verstorbene angehörte, und in welcher Abstammungslinie er zu einem Urahnen positioniert war.

„Etwas verallgemeinernd kann man sagen, daß die Mehrheit der iberischen Archäologen die Schieferplatten als Idole im Kontext eines vermuteten Muttergöttin-Kults auslegt“, erklärt die Archäologin Dr. Lillios. Diese Spekulation, die sich aus der überholten These eines östlichen-mediterranen Ursprungs der iberischen Kulturen ableitet, krankt an mangelnder empirischer Evidenz.

Der Fortschritt, den uns die neue Analyse beschert, ist dem vergleichbar, wenn man eine trübe Glasscherbe durch eine hochwertige Lupe ersetzt. Wo bislang die Archäologen nur die unscharfen Flecken einer undifferenzierten neolithischen Gesellschaft ausmachen konnten, beginnen wir jetzt identifizierte Menschengruppen zu erkennen. Dort, wo bislang nur ein unkenntlicher Haufen von Knochen wahrzunehmen war, beginnen sich Skizzen von Identitäten abzuzeichnen.

Und man beginnt, wesentlich mehr über die Dynamik dieser Gesellschaft zu erfahren. Eine high resolution view, die uns wertvolles Material erschließt, welches seit 120 Jahren brach lag.

Dokumentation

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